Gänseblümchen

 
Tausendschön und Gänseblümchen
eine wahre Geschichte
aus dem Traum
der Dinge


Zu später Stunde wachte Adeline immer noch über ihre Albträume, die nicht enden wollten und wie rote Ameisen durch ihre Gedanken krabbelten. Vor wenigen Tagen zum beginnenden Frühjahr hatte sie ihr Kind verloren. Ohne Grund, ohne Vorwarnung, ohne Kampf war es gegangen. Adeline war noch sehr jung und fühlte sich unendlich betrogen von ihrem Schicksal, das ihr niemand tragen helfen konnte. Wie sollte das auch gehen?

Ihr Seelenschmerz trieb sie in den Wald, hinaus in die Natur, wo sie tage-und nächtelang in den Tiefen der Bäume und Büsche ein Stück des Heilwerdens wieder zu finden suchte.

Man konnte sie verweilen sehen, immer wieder zurückkehrend zu dem einen Baumstumpf, auf dem sie sich nieder ließ. Hier war es ihr, als ob sie Linderung von ihrer Trauer spürte. So blieb sie sitzen im Zwiegespräch mit sich selbst und dem toten Baum, der sie in seinem Totsein umgarnte und stützte.

Mit einem Male war es ihr, als würden die Reste des Baumes aus der Stille heraus zu ihr sprechen, so als ob der einmal gewesene Baum ihr anböte zu verschmelzen mit seinem Totsein und ihrem Erlöschen. Sie hörte ihn sagen, dass, - würde sie eins werden mit ihm, sie ihr Kind jedes Jahr im Frühjahr von neuem sehen könne. In den Schneemonaten würde es eingebettet in seinem Wurzelkleid und in ihrer Obhut überwintern, um dann im kommenden Frühjahr für sie wieder zu erwachen.

Wie immer bei solch Händel mit Natur, Gott und dem Teufel gab es auch hier eine Bedingung, die der Baumstumpf in seinem Totsein an sie richtete.  Sie müsse nur dem Schmerz und den Tränen über den Verlust ihres Kindes die Freiheit zu sein zuzugestehen. Sie müsse den Tränen ihren Lauf lassen, ja sie sogar anfeuern zu fließen, damit ihre Nässe seine alten Wurzeln benetzen könnten. So würde sie ihr Kind für immer unter ihrem Herzen tragen. Allein, - Adeline müsse eins werden mit ihm, verschmelzen mit seinem Totsein um dann mit ihrer Liebe Jahr für Jahr ein neues Frühjahr zu erleben.

Adelines Herz schmerzte so sehr, dass sie nicht lange über dieses Angebot nachdenken musste. Was hatte sie zu verlieren, was nicht schon mit dem Tod ihres Kindes verloren war. Unendlich erleichtert und im Vertrauen auf die Weisheit des Baums, ließ sie endlich ihren Tränen den unsäglichen Lauf ihres Seins bis tief hinab in das Wurzelwerk des Waldes. Adelines Körper verlor sich daraufhin langsam in den Fasern des Baumstumpfes. Jeden Tag mehr verschmolzen die Formen des Baums mit den ihren, so dass Adeline für andere Menschen gar nicht mehr sichtbar war. Ihr Herz wurde leicht und Adeline umarmte in ihren Gedanken die Welt, den Wald, den Baumstumpf und sein Totsein. Es waren jetzt jedoch nur mehr Tränen der Freude über diese glückhafte Wandlung, die dem Waldboden weitere Feuchtigkeit spendeten und Nahrung für so manch andere Samenkinder war, die so dahergeflogen kamen.

Das darauffolgende Frühjahr sollte heftig und schnell beginnen. Die Wärme trieb den Saft und das Grün aus den Bäumen. Die Nadelbäume unter ihnen knackten in ihrem Erwachen leise vor sich hin und die Vögel zwitscherten was das Zeug hielt.

Auch Adeline streifte den Winterschlaf von sich und atmete die Würde der Natur über die Baumwurzeln tief in ihre Gedanken hinein. Mit dem Geäst des Baumes hielt sie ihr Kind, ihr Tausendschön ganz fest an sich gedrückt. Sie weinte vor Glück und so fiel es ihr auch ganz leicht die Bedingung, die der Baumstumpf damals an sie gestellt hatte, zu erfüllen. Als sie endlich Zeit fand auch ein wenig um sich zu blicken, entdeckte sie ein Meer voller kleiner weißer Blüten mit gelben Pünktchen, die rund um sie herum aus dem Boden sprießten.  Manche leicht rosa gefärbt schmiegten sich an das Kind, an die Wurzeln und in den tränenbefeuchteten Waldboden rund um Adeline. Der Lärm der Hummeln und Bienen, die sich winterhungrig auf die Blümchen stürzten, war ohrenbetäubend und kaum auszuhalten.

In Gedanken versunken ist es auch heute noch so, dass manch ein wandernder Mensch ein Antlitz in den Ästen oder die Form eines Kindes am Waldboden entdeckt. Ein zweiter Blick auf eben jene Stelle, wo man dachte Unglaubliches gesehen zu haben, zeigen sich dann unweigerlich die Gänseblümchen in ihrer vollen Pracht. So viele auf einmal drängeln sich in die erste Reihe des wandernden Blicks, dass jeder Gedanke an andere Welten plötzlich wie weggefegt zu sein scheint. Das Frühjahr findet so den Atem des Waldes wieder. Der wandernde Mensch zieht im besten Fall weiter und Adeline ist es, die bleibt und dem Baumstumpf mit seinem Totsein weiter Leben und tausendschöne Träume gibt.

 

 

 

Design Fischlein© 
 
 
FLICKR
 
 
Heute waren schon 4 Besucher (9 Hits) hier!